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Mein irisches Tagebuch

Leseproben

Mein irisches Tagebuch
von Jochen Schuk



Erster Tag - Samstag der 31.01.

Heute ist es soweit. Ich kann es selbst kaum glauben. Ich habe es gemacht und nun gibt es kein Zurück mehr. Der lang gehegte Wunsch einen Sprachkurs zum erlernen der englischen Sprache und dazu noch im Ausland, erfüllt sich. Vor wenigen Monaten hatte ich mich und zwei meiner Kollegen einfach angemeldet. Die Frage ob wir nach England, Kanada, Irland oder Kreta gehen haben wir schnell und konsequent entschieden. Wir wollen alle drei nach Irland und dort nacheinander drei Wochen die englische Sprache erlernen. Ich war zuerst dran. Gestern das Kofferpacken hat mich noch nicht so sehr berührt. Heute Morgen war auch alles so wie immer, doch dann nach etwa einstündiger Fahrt sah ich den Düsseldorfer Flughafen und dann ging alles sehr, sehr schnell. Ruck Zuck war ich aus dem Auto und stand mit meinen Koffern in der Halle. Das Einbuchen ging ja noch ganz gut. Dann die elektronische Untersuchung. Koffer auf, den Laptop auspacken - das ganze getrennt wieder zum Röntgen und dann das Taschenmesser entsorgen. Schnell habe ich mich davon getrennt und nix wie durch. Nun stand ich da und mir wurde bewusst, dass ich ganze drei Wochen auf mich gestellt in einem fremden Land, bei fremden Leuten, ohne die Sprache auch nur im Ansatz zu verstehen verbringen werde. Mir war schlecht. Mein Magen drückte seinen ganzen Protest dadurch aus, dass er entsetzlich schmerzte. Doch es gab kein zurück mehr. Ich hörte den Flughafenlautsprecher mit dem der Flug aufgerufen wurde und alle Passagiere aufgefordert wurden sich zur Maschine zu bewegen.

Langsam schloss ich mich an. Alles klappte wie am Schnürchen und ehe ich mich versah waren wir in der Luft. Die Maschine war bestenfalls halb voll und ich hatte eine ganze Reihe für mich allein. Nach einer Cola und einigen Spielen mit dem Taschencomputer sah ich die Küste von Irland vor mir. Weiche, saubere Landung und der übliche Andrang beim aussteigen. Dublin begrüßte mich mit dichter Bewölkung und steifem Wind. Von wegen moderne Gangway – nein normale Treppe und zu Fuß zur Ankunftshalle. Ich fliege zu selten und habe Schwierigkeiten mit den Gepflogenheiten bei der Ankunft. Aber den ganzen Menschen hinterher laufen kann einfach nicht falsch sein. Aha eine Kontrollstelle. Ich kann erkennen, dass Menschen aus der EU am rechten Schalter abgefertigt werden. Der Beamte hatte wenig Lust auf meinen Pass und winkte mich durch. Wieder folgte ich der Menge und stand dann vor dem Laufband auf dem das Gepäck ankommt.

Stand ich am richtigen Band? Hektisch kontrollierte ich die Flugnummer und stellte beruhigt fest – ich war richtig. Was war eigentlich wenn mein Koffer nicht angekommen war und somit nicht auf diesem verfluchten Band lag? Höhnisch schaute mich das dunkle Loch an, aus dem das Band endlos hervor kam und natürlich spuckte es meinen Koffer nicht aus.

Ich sah mich schon ohne Klamotten in Irland und die Panik kroch erneut in mir hoch. Doch was war das? Der erste Koffer der aus dem Loch kam war meiner. Er war zu, verschlossen und heile. Also los, den Koffer vom Band, EXIT gesucht und schon stand ich vor der Frage ob mich jemand abholt.

Was passiert eigentlich wenn niemand da ist? Wo ist die Adresse? Was ist wenn da kein Mensch ist? Ich sehe mich schon in einem Hotel die Adressen von der Schule und der Gastfamilie in Deutschland vergessen und funktioniert eigentlich mein Handy?

Fragen über Fragen. Also die Adressen habe ich schon gefunden. Das Handy geht auch und hinter der Sperre am Ausgang sitzt eine Frau die ein Schild vor sich hält auf dem steht: „JOCHEN SCHUK“. Ich gehe auf sie zu und stelle mich vor. Sie sagt sie sei mein „Taxi Driver“. Nun fahren wir durch den Hafen von Dublin. Alles sieht grau aus und ein wenig verkommen.

Meine Stimmung ist alles andere als gut. Die Taxifahrerin fragt mich aus und ich antworte so gut ich kann. Ein wenig verstehe ich sogar von dem was sie sagt. Dann sind wir da. Das Haus sieht von außen ganz passabel aus. Nora, die Eigentümerin kommt freundlich auf mich zu und begrüßt mich.

Vor dem Haus sind drei Angorakatzen, zwei gehören zum Haus eine ist zu Besuch. Ich werde hereingebeten und Nora führt mich in das Zimmer in dem ich für die nächsten drei Wochen wohnen werde. Es ist etwa 9 qm groß, hat einen Einbaukleiderschrank mit vier bis fünf Drahtkleiderbügeln, einen Schrank mit zwei Schubladen, einen alten Sekretär, ein alter Sessel und ein Bett. Alles in allem nicht gerade komfortabel aber ich denke für zwanzig Nächte geht es.  

Nora fragt ob ich eine Tasse Tee (Cup of Tea) wünsche. Der Tee ist exzellent. Sie zeigt mir die Küche, das Esszimmer, das Wohnzimmer und sagt dass ich alles benutzen kann. Das Bad geht zurzeit nicht, da eine der Töchter gerade duscht. Wenig später stellt sie mir ihre jüngere Tochter Hanna vor. Die verschwindet aber schnell wieder und ich packe meine Sachen aus.

Etwa zehn Minuten später gelangen Die Töne eines Klaviers an mein Ohr. Ich schaue nach und finde die zweite, also die ältere Tochter Sara vor. Sie spielt auf dem Klavier und ich begrüße sie. Sie spielt recht gut und singt eines der traurigen irischen Lieder. Nora kommt hinzu und man merkt dass sie recht stolz auf ihre Tochter ist.

Sie bietet an mich zur Schule zu fahren und in die Stadt. Ich nehme dankend an und wir fahren los. Die Schule ist schnell gefunden, die Stadt auch. Sie zeigt mir die Bank in der sie arbeitet und fragt ob ich nicht ein wenig in der Stadt herumlaufen möchte um nachher zu Fuß zurück zu laufen.

Sportlich willige ich ein und schon bin ich allein in der City und sie ist weg. Schon nach wenigen Minuten beginnt es sehr stark zu regnen und ich flüchte in ein Kaufhaus. Hier bleibe ich bis der Regen nachgelassen hat und schlendere dann weiter.

Wie war doch gleich noch die Adresse? Oh Scheiße, ich hatte sie mir nicht gemerkt und der Zettel auf dem sie und die Telefonnummer stand war im Zimmer. Jetzt galt es mein Gespür für den Rückweg zu testen. Ich begann den Weg zurückzugehen auf dem ich gekommen war. Nach etwa einem Kilometer begann der Regen wieder und auch der Wind. Nach kurzer Zeit schon war ich paschnass und hatte mich verlaufen. Die beginnende Panik bekämpfend rekonstruierte ich den gefahrenen Weg und versuchte mich an Merkmale zu erinnern.

Endlich ich hatte die Strasse gefunden und dann auch das Haus. Jetzt aus den nassen Klamotten raus, den Jogging Anzug an und die Haare getrocknet. Das Haus ist sehr hellhörig und ich lauschte dem Klang mehrerer Stimmen. Ok, dachte ich es ist gleich sechs Uhr und es gibt Dinner. Also ab ins Wohnzimmer und den „Familienanschluss“ suchen. Dort angekommen fand ich lediglich zwei völlig fremde Frauen vor die aber freundlich ihren Namen sagten und versuchten mich in ihr Gespräch einzubeziehen. Ich verstand fast nichts.

Dann kam das Essen. Oh mein Gott, ich kann es gar nicht beschreiben. Es handelte sich um einen Teller voller Dinge die ich nur mit Mühe identifizieren konnte. Gebackene Kartoffeln lagen neben Stampf-kartoffeln, trockenes Fleisch wurde von einer Pampe aus Sauce, Möhren, Erbsen und Mais überlagert und undefinierbare braune Brösel rundeten das ganze ab. Dazu gab es ein Glas Wasser aus dem Hahn und eine Kanne Tee. Der Tee war spitze. Zum Abschluss brachte man mir noch eine Schale mit „Reispudding“, der war wieder Erwarten passabel. Ich bin danach gleich in meinem Zimmer verschwunden und bin hundemüde.

Zweiter Tag - Sonntag der 01.02.

Kurz vor acht klingelt der Wecker, ich bin sofort hellwach. Die Nacht war schlimm, mein Magen hat mich stundenlang gequält und obwohl ich tod-müde war konnte ich nicht einschlafen. Entweder war das Essen schuld, oder – was ich eher glaube – das Ganze ist noch die Anspannung der letzten Wochen. Die waren ja auch nicht ganz leicht. Aber das ist eine andere Geschichte. Erst gegen morgen muss ich fest eingeschlafen sein. Es ist noch dunkel und kalt. Der Wind fegt ums Haus. War das wirklich der Wecker der mich da aus dem Schlaf gerissen hat, eigentlich ist wenn ich so darüber nachdenke, der Ton viel zu kurz gewesen. Ach da liegt ja mein „IPEQ“ und eine Nachricht steht da auch. Dimitri hat Geburtstag. Natürlich, das ist es. Sofort rufe ich ihn an und erwische ihn noch im Bett. Herzlichen Glückwunsch, mein Sohn, wie gern wäre ich jetzt bei Dir und würde mit Dir feiern und auf Dein Wohl anstoßen. Na ja, dann in drei Wochen. Also aufstehen und das Bad ausprobieren. Ich packe meine Sachen und gehe los. Im Bad beginne ich zu überlegen ob es besser sei mir nur kurz die Haare im Waschbecken zu waschen, oder doch in die Wanne zu steigen und mich dort zu duschen. Die Kälte und die Aussicht auf ein wenig warmes Wasser bringen mich zu der Entscheidung die Variante mit der Wanne auszuprobieren. Ein Blick in die Wanne reicht aus, um die Badeschlappen anzubehalten und damit in die Wanne zu steigen. Das Wasser ist warm und kommt auch in ausreichender Menge aus dem Hahn. Langsam, sehr langsam wird es mir wärmer. Kein Mensch ist aus dem Bett in diesem Hause, alles ist still. Also ausgiebig Wasser, rasieren, Zähne putzen und was man(n) noch so alles tut um wach und frisch zu werden. Immer noch keiner auf. Also anziehen, Handtuch zum trocknen aufhängen und nach dem Wetter schauen. Lange Zeit tut sich nichts. Ich denke: „Ob sie mich wohl vergessen haben?“ Nach über einer Stunde Wartezeit und endlosen „Solitär“ Runden regt sich etwas im Haus. Wenig später rumort es in der Küche und nach weiteren 15 Minuten klopft es an der Tür. Nora ruft: „Joken Breakfast“. Sie tut sich schwer mit meinem Namen. Ich habe wenig Mitleid, da ich an Montag denke; der Tag an dem ich mich für Wochen schwer tun werde und sicherlich auch kein Mitleid erwarten kann.

Nach dem Frühstück, es bestand aus zwei Scheiben Toast, Marmelade, Flakes, ein wenig Milch und dem ausgezeichneten Tee. Na ja, es geht doch nichts über „Essen in Germany“. Nach dem Frühstück ein Blick zum Himmel – es ist trübe aber nicht am regnen – also ist Erkunden angesagt.

Ausgerüstet mit Fotoapparat, dicker Regenjacke, Schirm und einer gehörigen Portion Neugier stapfe ich los. Zuerst, so dachte ich mir, werde ich probehalber zur Schule laufen um zu sehen ob ich den Weg auch ohne Auto finde. Nach einiger Zeit gelingt mir das Auffinden der „Bluefeather School of Languages” in der Montpelier Parade. (Natürlich habe ich mich zunächst verlaufen, das würde ich aber nie zugeben) Also ein Foto geschossen, die genaue Adresse in den IPAQ geschrieben und dann zurück um zu sehen wie lange ich morgens laufen muss. Es werden etwa 20 Minuten. Also doch ein ganz schönes Stück Weg.

Dann geht es in den Ort. Das ganze liegt ein Stück von Dublin entfernt und der Ort heißt „Black Rock“ also „schwarzer Stein“ es sind etwa noch einmal zwanzig Minuten zu laufen. Unterwegs knicke ich um und stürze vornüber auf den Bürgersteig. Auch dieser Tag hat es bereits jetzt voll gebracht. Ich springe auf, wegen des interessierten Publikums, und sortiere meine Knochen. Alles noch im grünen Bereich – nichts gebrochen, nichts ernsthaft verstaucht und Meine Hose und die Jacke sind auch noch heil. Peinlich, peinlich aber immerhin noch mal gut gegangen.


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Die ganze Geschichte kann man lesen wenn der Autor darum gebeten wird. Ein E-mail genügt. (jo@schuk.org)

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